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Juli 2015

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Zwei Wochen als „Grey Ghost”

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Was für ein Land typisch ist, spiegelt sich auch in der Schule wider. Schönes, Interessantes und Kurioses aus einer Schule in den Vereinigten Staaten

Zwei Wochen als Gastschüler auf der Illinois Valley Central Higschool in Chillicothe gehen schnell vorbei – vor allem, wenn man so freundlich empfangen wird und es so viel Neues zu entdecken gibt. Umso intensiver die Eindrücke, die von einer solchen Reise mitgenommen werden. Schon vom ersten Moment an zeigen sich die Gastgeber sehr herzlich und zuvorkommend – die multikulturelle Gesellschaft Amerikas ist offen und neugierig auf neue Menschen. Europa fasziniert dort viele, zumal oft wenig darüber bekannt ist und es dementsprechend fern und fremd erscheint. Alle wollen die deutschen Austauschschüler sofort kennenlernen, Freundschaften werden schnell geschlossen.

Auf einige Aspekte der US-amerikanischen Kultur ist man schon im Voraus gespannt; einer davon ist die Schule. Welche Rolle spielt die für die jungen Amerikaner?

Die Schule ist für die Jugendlichen in Chillicothe oft der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Nicht nur während des Unterrichts! Denn auch ihre Freizeit verbringen viele freiwillig dort: als Mitglieder des Schulorchesters etwa (das oft erfolgreich an Wettbewerben teilnimmt) oder beim Sport. Viele wichtige Ereignisse im Leben der Jugendlichen finden dort statt, etwa die bekannten Schulbälle, denen schon Wochen davor entgegengefiebert wird.

Ein erheblich großer Wert wird auf Sport gelegt. Der Sport verbindet die Schüler, stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl, bildet schließlich die Grundlage für viele Schultraditionen (wie etwa das Homecoming). Jeder identifiziert sich mit den „Grey Ghosts”, wie der universelle Name für diverse Sportmannschaften der IVC lautet. Ob Baseball, Football, Volleyball, Fußball, oder Basketball – fast jeder gehört einer Mannschaft an; auch andere Sportarten, etwa Box oder Leichtathletik, werden trainiert. Es gibt Cheerleader und Tanzgruppen.

Fast kein Wochenende vergeht ohne ein wichtiges Spiel. Dann versammeln sich oft ganze Familien, um die Grey Ghosts anzufeuern – jedes Mal eine Gelegenheit, gemeinsam zu feiern!

Der Nationalstolz ist in den USA allgegenwärtig. Beinahe jedes Klassenzimmer ziert die US-amerikanische Flagge; jeden Morgen wird über den Schulrundfunk ein Treueid an die USA gesprochen.

funky pinkes ding

(Fast) jeder fühlt sich als ein lebendiger Teil der Schulgemeinschaft und bemüht sich, das daraus resultierende Gemeinschaftsgefühl aufrechtzuerhalten – und zu stärken. Es wäre natürlich gelogen, zu behaupten, dass es keine Konflikte oder Lästereien gibt. Doch man hat das Gefühl, dass die IVC-Schüler wenig voreingenommen sind und dementsprechend weniger Streit miteinander haben – zumal auch das Thema Mobbing an der Schule sehr ernst genommen wird. Oder ist die gute Atmosphäre vielleicht auch auf die sehr wertorientierte Erziehung in den meisten Familien zurückzuführen? Fest steht: Die US-Amerikaner zeigen sich stets als herzliche, offene Menschen, bei denen Zusammenhalt groß geschrieben wird. Auch als Fremder fühlt man sich sofort willkommen – fast, als wäre man selbst ein Teil der Highschool!

Dass sich viele stark mit ihrer Schule identifizieren, zeigt sich auch in der Vorliebe für Kleidung mit dem IVC- Logo in den Schulfarben grau und dunkelrot („maroon”). So gibt es in Chillicothe gleich ein ganzes Geschäft nur mit Schulbekleidung – und obwohl es keine Schuluniformen gibt, kam doch jeden Morgen ein überwiegender Teil der US-Amerikaner in IVC-Sachen in die Schule.

Überhaupt gibt es in puncto Kleidung auf der US-amerikanischen Schule einige Unterschiede. Offiziell gibt es festgelegte Vorschriften, wie eine angemessene Keidung auszusehen hat. Generell gehen die Schüler die Frage nach dem Aussehen aber mit viel mehr Freiheit an. Manche kommen gar in Flip-flops und Pyjamahosen in die Schule, was, zum ersten Mal gesehen, ins Erstaunen versetzt – andererseits kommen manche auffällig elegant angezogen, wie es für die MvLG- Schüler höchstens in den MEP-Wochen üblich ist. Warum aber? Den Grund dafür kann man bald entdecken, indem man den dortigen Sozialkundeunterricht besucht. Unglaublich, aber wahr: Um die Schüler auf das Berufsleben vorzubereiten und zum `dress for success` zu ermutigen, vergeben die Lehrer Extrapunkte an jene, die schick angezogen im Unterricht erscheinen.

Der erste Eindruck von der Schule ist überwältigend. Baseball-, Football- und Fußballplätze erstreckten sich überall um das beeindruckende Schulgelände. Nur eine Sache erscheint unerklärlich: Die Klassenräume besitzen keine Fenster. Der Unterricht findet von morgens bis nachmittags nur bei künstlichem Licht und permanent laufender Klimaanlage statt. Eine experimentelle Aufteilung aus den siebziger Jahren: mehrere Klassenräume wurden miteinander verbunden, sodass einige Klassenzimmer nur durch andere Räume erreichbar sind. Dies sorgt schon mal für Ärger für zu spät kommende Schüler! Dafür gibt es eine von allen Seiten offene, zentral liegende Bibliothek.

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Was beim Betreten der Schule sofort ins Auge springt, sind die langen Reihen der Schließfächer, sog. „lockers“. Jeder Schüler hat sein eigenen Fach, das er mithilfe eines komplizierten Drehmechanismus‘ durch eine Zahlenkombination öffnet – ein Kunststück, das auch nach viel Übung nicht immer gelingt, für die Amerikaner aber absolut selbstverständlich ist. Die Lockers spielen eine wichtige Rolle im Alltag der Schüler – wen man auch immer in dem großen Schulgebäude sucht, man wird ihn spätestens nach der letzten Klingel mit großer Wahrscheinlichkeit an seinem Schließfach finden.

Beim Betreten des großen Foyers muss man sich eingestehen: Manche Klischees bestätigen sich eben doch. Mehrere Automaten mit Lebensmitteln stehen in einer Reihe in Bereitschaft. Zur Auswahl: Vorwiegend zuckerhaltige Getränke, Cerealien- und Schokoladenriegel sowie Kartoffelchips. Vor allem letztere sind zum „Lunch” allseits beliebt. Übergewicht bei Schülern ist keine Seltenheit.

In der Mensa gibt es zumindest ein Tagesgericht, Salat oder Sandwiches zur Auswahl – aber es werden täglich auch Cheeseburger und Pizza serviert. Dies steht in einer gewissen Ambivalenz zu dem Kursangebot, das auch Kochunterricht mit Schwerpunkt Bewusste Ernährung vorsieht. Aber diese spezifische Ernährungsweise gehört in den USA nun einmal auch dazu.

Der Stundenplan ist sehr variabel und individuell kombinierbar. Natürlich gibt es die klassischen Fächer wie Mathematik, Englisch, Fremdsprachen, Naturwissenschaften sowie gemeinschaftskundliche Fächer. Doch man kann auch beispielsweise Psychologie, Kreatives Schreiben oder Business wählen, und praktisch ausgerichtete Fächer sind fest im Fächerangebot verankert. Man lernt „fürs Leben”: Es gibt Unterricht in der Werkstatt, ob Holzbau oder der Umgang mit Motoren. Die Schüler können das Kochen erlernen, im Kindergarten erste Erfahrungen mit der Erziehung von Kindern sammeln – oder ihren Führerschein machen, den es in Illinois ab dem Alter von 16 Jahren gibt. So kommen viele mit dem eigenen Auto zur Schule – oder nehmen einen der vielen gelben Schulbusse (natürlich als Fahrgast, Anm. d. Red.).

Freistunden gibt es nicht. Es gibt keine fünf, sondern nur zwei unterschiedliche Abfolgen von Unterrichtsstunden: den A- und den B- Tag, die sich immer abwechseln.

Was wohl jeder bestätigen kann, der an einem solchen Programm teilgenommen hat: Viel zu schnell geht die Zeit als Austauschschüler bei den „Grey Ghosts” zu Ende! Der Besuch in einer Schule in den Vereinigten Staaten ist eine bereichernde Erfahrung, die sich auf jeden Fall lohnt. Nicht nur, weil es interessant ist, die Unterschiede zu unseren Schulen zu sehen und sich selbst ein Bild von einer Kultur zu machen, die uns auch im Alltag beeinflusst – auch, weil dabei viele interessante Kontakte und wunderbare Freundschaften entstehen!

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