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Ausgabe #66
Juli 2015

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„Kinder lernen lesen – trotz Methoden“

Das haben sich wohl auch diejenigen gedacht, die für den scheinbar nicht enden wollenden Strom von jungen, verunsicherten Frauen und Männern verantwortlich sind, die, bewaffnet mit dem aktuellsten Unsinn aus dem gigantischen Arsenal der Pädagogik, unsere Schule erstürmen, um das in ihrer Ausbildung Gelernte mal an echten Schülern auszuprobieren. Mit Unsinn meine ich natürlich „Methoden“, die den lieben Schülerinnen und Schülern das Lernen erleichtern sollen.

Mein Favorit hierbei ist der „stumme Impuls“: Den Schülern wird ein meist optischer Reiz präsentiert, wie zum Beispiel die Projektion einer Folie oder diverse Eimer voll Chemikalien … und dann wird erwartet, dass man sich, quasi aus einem inneren Bedürfnis heraus, dazu äußert. Sie sehen, ich äußere mich, wenn auch mit einer gewissen Verzögerung. Mir erklärte einmal eine methodisch gut gerüstete verunsicherte junge Frau, damit solle jedem Schüler die Chance gegeben werden, irgendetwas zu sagen, auch wenn es nicht zum Thema passe.

Meiner Erfahrung nach besteht die einzige Reaktion auf den stummen Impuls darin, dass etwa eine Hälfte der Schülerschaft den Impuls imitiert und selbst verstummt, während die andere Hälfte sich aus Höflichkeit – oder Mitleid – gequält auf die Suche nach der Antwort auf die nicht genannte Frage begibt.

Darauf folgt häufig die Aufforderung, die Schüler sollen sich einmal überlegen, was wohl das Thema der aktuellen Stunde sein könnte. Zwar ist dieses normalerweise außerordentlich trivial und dementsprechend leicht zu erraten, aber worin liegt eigentlich der Sinn dieser leidlichen Prozedur? Lassen Sie mich eine Vermutung anstellen: Den Schülern soll die Illusion vermittelt werden, an der Gestaltung und Konzeption des Unterrichts wesentlich beteiligt zu sein, sozusagen um einer Entfremdung der Schüler von ihrem Unterricht entgegenzuwirken.

Das wäre eine an sich lobenswerte Motivation, dummerweise werden aber die Schüler, zumindest die älterer Jahrgangsstufen, in keinem Moment anzweifeln, dass es die angehenden Lehrer sind, die in Wahrheit das Heft in der Hand halten. Immerhin haben sie in die fünfundvierzig Minuten lange Unterrichtsstunde schätzungsweise neunzig Minuten zur Vorbereitung investiert und jedes Detail haarklein vorbereitet, auch die zu erwartenden Antworten der Schüler.

Problematisch wird es nur, wenn die Schüler nicht auf die gewünschten Antworten kommen, oder, wie es auch häufig vorkommt, wissen, welche Antwort von ihnen erwartet wird, mit ihr aber nicht einverstanden sind, weil sie sich unterfordert beziehungsweise nicht ernst genommen fühlen oder weil sie die erwartete Antwort schlichtweg für falsch oder unpräzise halten. Dann ist die ganze Vorbereitung hinüber. In solchen Situationen ist oft ein zwanghaftes Klammern an das gescheiterte Konzept zu beobachten.

Wenn die Stunde dann trotz Gruppenarbeit, Medieneinsatzes, stummen Impulses und Präsentation der wegen banaler Aufgabenstellungen kargen Arbeitsergebnisse vor der Klasse endgültig tot und begraben scheint, pflegt die reguläre Lehrkraft zu intervenieren. Zumindest wenn die Klasse Glück hat.

So kommt es vor, dass Klassen und Kurse wochenlang bei niedrigem Anspruch und niedriger Produktivität vor sich hin dümpeln. Ganz besonders toll ist das in der Oberstufe, wo hinter jeder Ecke eine Kursarbeit und am Ende des Tunnels Abiturprüfungen lauern.

Glücklicherweise kommt irgendwann die heiß ersehnte Lehrprobe beziehungsweise der große Unterrichtsbesuch, der Höhepunkt kitschiger und unsinniger Methodik, nach dessen tragischem Verlauf das Grauen endlich ein Ende findet. Es kam sogar schon vor, dass die reguläre Lehrkraft den Schülern an diesem Punkt empfahl, die gesamten Mitschriften der letzten Wochen aus den Heften zu reißen und zu entsorgen.

Es wäre allerdings falsch, Referendare und Praktikanten pauschal zu verteufeln. Einerseits sind deren Methoden nicht alle so katastrophal wie hier geschildert, andererseits können die meisten gar nichts für ihr Unvermögen. Es ist vielmehr die Vermittlung praxisferner pädagogischer Ideale an den Hochschulen, die die armen Menschen dazu verleitet, Konzepte in Kontexten zu verwenden, in denen sie gar nicht oder zumindest schlechter funktionieren als der ganz normale Unterricht erfahrener Lehrer. Um für ihre Lehrproben gute Noten zu bekommen, müssen unsere lieben Referendare nämlich die von ihren Ausbildungsleitern bevorzugten, in der Praxis oft unsinnigen Methoden möglichst effektvoll inszenieren.

Das halte ich für einen systematischen Fehler, der dazu führt, dass Lerninhalte oft auf der Strecke bleiben und Schüler wie auch Referendare im Prinzip ihre Zeit mit Unterrichtsmethoden verschwenden, an deren Sinnhaftigkeit in den meisten Fällen weder Schüler noch Referendare wirklich glauben und die nur darauf abzielen, am Tag der Lehrprobe oder des Unterrichtsbesuchs die „Besucher“ zu beeindrucken.

Es sei auch noch erwähnt, dass die genannten Methoden nicht generell abzulehnen sind. Es gibt bestimmt auch Situationen, in denen der stumme Impuls oder gar „Wissenskärtchen“ ihre Existenzberechtigung besitzen, auch wenn ich mir keine einzige vorstellen kann.

Und um am Schluss noch ein wenig Hoffnung zu säen: Irgendwann werden die meisten Referendare Lehrer, und dann lassen sie auch einen Großteil der albernen Lehrmethoden ruhen.

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