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Ausgabe #66
Juli 2015

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ABI – Und jetzt fängt das Leben angeblich an

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Katrin Ganser machte 2012 ihr Abitur am MvLG und studiert nun – wenn sie nicht gerade durch die Welt bummelt – in Nijmegen (Holland) an der Radboud University Amerikanistik. Sie malt gerne und spricht 6 Sprachen. Wie das Leben nach dem Abitur weitergeht, darüber wird sie in nächster Zeit für uns berichten.
In der Lassaulx-Straße in Koblenz steht ein weißer Lieferwagen mit einem grünen ‚Europcar‘-Schriftzug vor unserem Reihenhaus. Neugierig beäugen die Nachbarn meine Eltern und mich, als wir Möbel hineinhieven, wieder herausheben und neu anordnen.
„Was soll da eigentlich in den ganzen Kisten sein?“ fragt mein Vater genervt, als er einen Karton nach dem anderen aus meinem Dachgeschosszimmer hinunterbringt.  „Bücher, DVDs, CDs, Klamotten alles was ich eben so brauche.“
Aber hab ich wirklich alles? Die neuen Bilderrahmen sind schon seit Wochen mit Urlaubsfotos gefüllt, neues Büromaterial haben wir eingekauft, genauso wie Töpfe, Staubsauger und Bett. Alle Unterlagen haben wir zusammengetragen und in einen blauen Ordner geheftet, der nun auf dem Rücksitz liegt.

Ich hab mich mit neuen Sportsachen und Aquarellblöcken eingedeckt, alten Freunden (hoffentlich allen) Auf Wiedersehen gesagt und mir die Haare abschneiden lassen. Alles ist bereit, aber bin ich es? Vor fast zwei Jahren traf ich den Entschluss, nicht in Deutschland zu studieren. Die vier Mal abgesagte und wieder neu angesetzte Zwischenprüfung meiner besten Freundin, die versehentliche Exmatrikulation eines Freundes, und nicht zuletzt meine eigenen Erfahrungen durch das Frühstudium in Koblenz hatten mir genug Schrecken eingejagt. Hier studiere ich nicht!
Also musste ein Plan B her. Ich wusste ja, dass ich Amerikanistik (das ist kein Anglistik!) studieren wollte um später entweder in einer Botschaft oder einer Firma zu arbeiten, die mit den Staaten kooperiert. Da bot es sich natürlich an, gleich in den USA zu studieren. Aber sich in Yale, Harvard und Co bewerben? Und selbst wenn man mich nehmen würde, 42.000 $ pro Jahr bezahlen sich nicht eben mal so von selbst. England wäre schön, China oder Südafrika, vielleicht auch Frankreich, aber nachdem ich auf einer Abiturmesse die Radboud University Nimwegen kennenlernte und zum Tag der offenen Tür gefahren war, war klar: Ich studiere in Holland! ‚Warum willste‘ denn da hin?‘ haben Viele gefragt. Und hier kommen die möglichen Antworten:
Weil die Unis in Holland generell besser sind? Die Studentenbetreuung immer gewährleistet ist? Auch Nobelpreisträger an der Uni unterrichten? Die Ausstattung exzellent ist? Ich internationale Kontakte knöpfen kann? Die Uni ein Hochbegabtenprogramm hat, an dem ich teilnehmen kann? Der Master garantiert ist? Alle Antworten sind richtig.
Nach dem Abitur hieß es also erstmal Niederländisch lernen. Und zwar direkt an der Uni, die dafür einen Sprachkurs anbietet. Nach 6 Wochen sprach ich fließend Niederländisch, hatte viele Freunde gefunden und freute mich erstmal auf die Amerikareise im Juli.
Die Radboud University Nimwegen ist eine Campusuni und viele Studenten leben direkt auf dem Gelände, so auch ich. Zur Uni fahre ich nur 3 Minuten mit dem Fahrrad und auf meinem Gang wohnen Jugendliche aus 5 verschiedenen Nationen. Englisch wird fast immer gesprochen. Während des Sprachkurses korrigierten meine niederländischen Nachbarn sogar meine Hausaufgaben und Aufsätze.
Es waren einige Hürden zu nehmen. Das Anmelden bei der niederländischen Studienplatzvergabe, der Wohnplatzvergabe, der Gemeinde, der Uni selbst. Hier fehlte eine Bestätigung der Schule, da das Abiturzeugnis, und das Umschreiben meines Wohnortes stellte sich auch als aufwendiger heraus als gedacht.
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Doch da das Studieren in den Niederlanden für Deutsche immer populärer wird, informieren zahlreiche Websites im Internet über Finanzierungsmöglichkeiten und Einschreibungstermine.
Also, ist doch alles perfekt oder? Naja nicht so ganz. Mein ganzes bisheriges Leben, war darauf ausgerichtet, Montag bis Freitag zur Schule zu gehen, am Wochenende vielleicht mal etwas anderes zu machen. In den Ferien wegfahren, und wenn die vorbei waren, kam erstmal das nächste Jahr.
Und das 11 ½ Jahre lang. Da denkt man erstmal nicht darüber nach, was passiert, wenn man auf einmal nicht mehr morgens um 6.30 Uhr aufstehen muss und jeden Tag Hausaufgaben warten.
Zumindest für mich, war und ist das etwas, was ich immer noch nicht ganz verinnerlicht habe. Auf einmal soll ich von meinen Eltern wegziehen und alles alleine auf die Beine stellen? Auch wenn man mit 16 selbstbewusst behauptet hat, man würde das ja alles mit links schaffen; auf einmal muss man selber mit dem Geld für Lebensmittel haushalten und sich selbst darum kümmern, dass man alle Termine einhält und neue Möbel aufbaut. Freunde sind weit weg und haben mit sich selbst zu tun.
Meine schon studierenden Bekannten gaben Entwarnung: Alles nur halb so schlimm. Du lebst dich schnell ein, findest neue Freunde und die Uni schaffst du doch im Schlaf.
Glauben mag ich das noch nicht so ganz. Immerhin studiert keiner von denen im Ausland und die fahren alle noch zum Waschen am Wochenende heim. Ich werde vermutlich erst in den Weihnachtsferien wieder nach Hause kommen.
Und anfangen tut mein Leben ja nun auch nicht wirklich. Da liegen immerhin drei Jahre Bachelor vor mir. Ein Halbes muss ich im Ausland (also nochmal Ausland) verbringen und viel Freizeit werde ich durch das stramme Programm der Kurse und der zusätzlichen Honors-Academy  auch nicht gerade haben.
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Ein mulmiges Gefühl macht sich breit. In diesem Moment ruft Anna an, meine Freundin aus dem Sprachkurs. Ob ich schon gepackt habe, wie viele Kisten mitkommen, wann ich denn in Hoogeveldt (das ist unser Wohnheim) ankomme und ob Donnerstagabend schon was läuft. Immerhin müssen Urlaubsfotos ausgetauscht werden und ‚Selbst ist die Braut‘ haben wir immer noch nicht zusammen geguckt.
Als ich auflege fühle ich mich besser. Ich werde nicht allein sein. Anna, Luca, Hendrik und die anderen aus unserem Niederländisch-Kurs, hunderte Niederländer und Menschen aus aller Welt werden genauso wie ich einziehen, die Freshman-Week überstehen und ihre ersten Hausarbeiten tippen.
Spätestens im Winter fahren wir heim zu unseren Familien und diese drei Jahre werden genauso schnell vergehen wie die MSS.
Wir werden von Montag bis Freitag zur Uni gehen, am Wochenende mal was anderes machen und in den Ferien wegfahren. Eigentlich ändert sich nicht viel. Ich bin halt nur im Ausland, werde weniger Deutsch sprechen, interessante Menschen kennenlernen, und nach Hause kommen, wann immer sich eine Chance ergibt.
Ein bisschen mehr Freiheit gewinne ich dazu. Der Kontrolle meiner Eltern entziehe ich mich erstmal. Kurztripp nach Brüssel? Zugfahrt dauert nur zwei Stunden. Meinen besten Freund in Amsterdam besuchen? Eine Stunde und ich bin da. Für ein Wochenende nach London fliegen? Von Eindhoven aus, kostet das nicht mehr als mit dem Zug nach Hause zu fahren. Nachts noch trainieren und Fernsehen ohne das jemand nörgelt? Kein Problem.
Angst hatte ich vor allem vor der Einsamkeit. Davor, alleine im Zimmer rumzuhocken und Nichts zu tun. Doch relativ schnell stellt sich heraus, dass Luca und Anna das selbe Problem haben, und so verbringen wir noch vor der Einführungswoche viel Zeit zusammen, gucken DVDs, gehen in der Stadt Eis essen, helfen uns gegenseitig Möbel aufzubauen.
Allmählich lebe ich mich ein.
Vielleicht fängt das wirkliche Leben ja doch jetzt an.
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